11 Fragen an Christian Strassburger
Wenn er am Mikro sitzt, geht es um mehr als nur Tore und Taktik: Leidenschaft, Emotionen und die Geschichten hinter dem Spiel prägen seine Arbeit als Kommentator. Ob Bundesliga, Europapokal oder Drittligaduell – er bereitet sich akribisch vor, erlebt Fußball in all seinen Facetten und bleibt dabei doch immer dem einen Gefühl verpflichtet: der Liebe zum Spiel. Im Gespräch gibt er Einblicke in seinen Arbeitsalltag, spricht über besondere Momente seiner Karriere und erklärt, warum für ihn nicht Perfektion, sondern Herz auf dem Platz den Unterschied macht.
Wie bereitest du dich auf ein Spiel vor?
Das ist tatsächlich von Spiel zu Spiel unterschiedlich. Ich kommentiere die drei höchsten Ligen in Deutschland, dazu noch Europapokal für RTL. Ich erstelle immer einen Monatsplan und kümmere mich dann Stück für Stück um die jeweiligen Spiele, telefoniere mit den Trainern oder anderen Verantwortlichen, lese Interviews, schaue Pressekonferenzen. Am Spieltag selber gehe ich dann alles durch, markiere und merke mir die vermeintlich wichtigen Dinge und hole mir letzte Eindrücke aus dem Stadion. Im Spiel angekommen benötige ich von dem allen dann oftmals nur 50 % – aber es ist besser, alles zu haben und nicht zu brauchen, als umgekehrt.
Du hast viele Spiele des 1. FC Köln kommentiert. Wie nimmst du den FC von außen wahr?
Der FC ist für viele, viele Menschen Lebenselixier. Ein Club mit großer Tradition, unendlichen Geschichten und immer unter Strom. Egal, wo du in Köln hingehst, der 1. FC Köln ist immer Thema. Ich finde, der Club schafft es immer, sich neu zu erfinden, ohne das Fundament anzukratzen. Die Voraussetzungen sind eigentlich optimal, um konstant den nächsten Schritt zu machen. Dafür muss aber endlich auch infrastrukturell etwas passieren – hier wünsche ich mir mehr Gemeinschaft zwischen Stadt und Verein, da beide nicht ohne einander können. Während hier jahrelang über Geißbockheim usw. diskutiert wird, werden woanders Grundsteine gelegt. So wird es für den Club schwer, aus dieser Schwebe zwischen Bundesliga und 2. Liga rauszukommen.
Leidenschaft! Für mich kommt es nicht auf das Talent der einzelnen Spieler an, sondern auf das Herz.
Was macht für dich ein gutes Fußballspiel am Mikro aus?
Leidenschaft! Für mich kommt es nicht auf das Talent der einzelnen Spieler an, sondern auf das Herz. Ich sehe Woche für Woche alles zwischen Europapokal und Liga 3. Ich bin donnerstags schon nach einem Europapokalspiel ernüchtert nach Hause gefahren und wurde einen Tag später von der Partie Viktoria Köln – MSV Duisburg mit allem verwöhnt, was Tags zuvor gefehlt hat. Ich brauche keine Perfektion auf dem Rasen, ich brauche Willen und aufopferungsvolle Spieler. Drama entsteht für mich durch Fehler und den daraus resultierenden Drang, diese wiedergutzumachen. Dann laufe auch ich heiß am Mikro!
Was war dein prägendster Moment als Kommentator?
Ich wollte immer Kommentator sein. Dieses Ziel war mein Kompass, mein Anker. Insofern haben mich Meilensteine, wie mein erstes Bundesligaspiel natürlich am meisten bewegt. Geprägt hat mich ganz sicher ein Spiel der EURO2020 – ich habe für MagentaTV Dänemark – Finnland kommentiert, in dem Spiel erlitt Christian Eriksen einen Herzstillstand. Durch diese Situation musste ich dann die Zuschauer leiten und mich ja auch, das Spiel ging dann ja auch tatsächlich weiter, eigentlich unfassbar auch im Rückblick. Ich weiß noch ganz genau, als er abtransportiert wurde und die Info kam, dass es danach weitergeht. Wir sind kurz in die Werbung gegangen, ich habe meinen Freund kommen lassen, der dort auch als Redakteur tätig war, ich hab kurz mit ihm geweint und dann ging es weiter im Text. Gott sei Dank kam irgendwann die Info, dass Christian Eriksen stabil ist – keine Ahnung, wie es danach sonst weitergegangen wäre…
Wie viel Fan darf ein Kommentator sein?
Fan des Sports unbedingt! Fan eines Vereins ist jeder, irgendwo muss ja diese Liebe ihren Ursprung haben. Aber im Spiel bist du als Kommentator neutral, da lege ich auch für alle Kollegen die Hand ins Feuer. Da kommentiert keiner für den einen und gegen den anderen Verein, auch wenn das ja oftmals (von den Fans der unterlegenen Mannschaft) unterstellt wird. Wenn ich ein Spiel kommentiere, dann ist es mir dermaßen egal, wer gewinnt, ich hoffe einfach auf ein wunderbares Spiel und Drama!
Hier habe ich meine Frau gefunden, hier ist meine Tochter geboren. Diese Stadt hat mir alles gegeben.
Wenn du an Köln denkst: Was ist das Erste, was dir einfällt?
Meine kleine Familie. Hier habe ich meine Frau gefunden, hier ist meine Tochter geboren. Diese Stadt hat mir alles gegeben. Hier habe ich meine Freunde, meine Orte der Ruhe und der lauten Momente. Ich hatte in meinem Leben viel Unruhe, gerade in der Kindheit und Jugend. Jeder sehnt sich nach dem Gefühl anzukommen, zu Hause zu sein. Ich bin angekommen, zu Hause, in Köln.
Gibt es ein FC-Spiel, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Natürlich. Ich habe für Sky das Spiel Köln – Hoffenheim kommentiert. In dem Spiel hat Ragner Ache diesen unfassbaren Fallrückzieher zelebriert. Ein Sensationstor, nicht von dieser Welt!
Was unterscheidet Bundesliga-Kommentare heute von früher?
Gute Frage! Ich bin mit RAN groß geworden – da kam schon so langsam auch Unterhaltung in den Kommentar. Man ist heute sicherlich öfter emotionaler und nicht nur bei DEM Spiel des Jahres. Der Zeitgeist hat sich aber eben auch verändert, die Menschen haben sich verändert, das merkt man dann auch im Kommentar.
Du arbeitest im Podcast mit Thomas Wagner zusammen, der ebenfalls für unsere Aktion wirbt. Wie erlebst du ihn als „Stimme für Köln“?
Wäggi ist ein wandelndes Lexikon, der weiß nahezu alles, nicht nur im Sport! Man kann von ihm lernen, mit ihm diskutieren, lachen, ernst sein. Wagner ist für mich wie der Dom: Institution, nicht wegzudenken, Denkmal, und eigentlich sollte er Eintritt nehmen. Wenn ich irgendwo war und dann mit dem Auto nach Hause fahre, und irgendwann erkennt man die Domspitzen, dann freut man sich, dann kommt dieses wohlige Gefühl auf – das gleiche Gefühl habe ich, wenn ich Wäggi von weitem sehe. Ich bin ohne Papa aufgewachsen – wenn ich mit ihm bin, dann ist diese Zeit oftmals wie eine Umarmung für mein jüngeres Ich, dem so ein Mensch sehr gefehlt hat. Es geht nichts über diverse Gaffel Kölsch mit ihm in unserer Lieblingskneipe an Tisch 13!
Nach 90 Minuten Vollgas am Mikro. Wie kommst du runter?
Oftmals im Auto, ohne Musik, ohne alles. Ich lasse Gedanken kreisen, und je näher ich dem Ziel bin, desto verblasster werden diese. Oftmals brauche ich dann noch Zeit auf der Couch, weil ich nicht direkt einschlafen kann und möchte.
Du warst für unser Fotoshooting im Südstadion bei Fortuna Köln. Was verbindet dich mit dem Verein?
Jeder, der Fußball liebt, muss eigentlich die Fortuna und dieses Stadion lieben. Das Gesamtpaket bekommst du bei einem Abendspiel, wenn die Sonne noch etwas über Zollstock scheint und dann der Moment kommt, an dem sie untergeht und das Flutlicht hervorsticht. Das Ganze garniert mit Freunden und ‘nem Gaffel in der Hand, natürlich stehend hinter der Balustrade auf der Haupttribüne: So stelle ich mir das Paradies vor. Meine Freunde Thomas Kraus und Daniel Flottmann haben hier gespielt und mit dem Aufstieg Großes geschaffen. Krausi war hier Co-Trainer, mein Präsident Gereon Schultze hält seit Jahren den Laden zusammen. Die Fortuna ist eine Herzensangelegenheit, ich wünsche mir, dass noch viel mehr Leute die Gelegenheit nutzen und ins Südstadion kommen. Hier schlägt das Fußballherz noch im gesunden Takt.